Bild mit KI generiert
Leute, wir müssen reden! – habe ich mir gedacht, als ich vor kurzem WDR 2 gehört habe. Das Moderatorenteam diskutierte mit Zuhörern darüber, wie man am besten eine Party verlässt. Höflich verabschieden? Allen die Hand schütteln? Oder einfach verschwinden?
Und plötzlich fiel die Redewendung: „Polnischer Abgang“.
Ich musste kurz überlegen. Ich lebe schließlich schon mein halbes Leben in Deutschland – also wirklich lange – aber diesen Begriff hatte ich noch nie gehört. Ein „polnischer Abgang“ bedeutet, dass sich jemand heimlich davonschleicht, ohne sich zu verabschieden. Aha. Wieder was gelernt. Offenbar bin ich all die Jahre immer falsch von Partys gegangen – nämlich mit „Auf Wiedersehen“.
Leider sind Sprichwörter über Polen in der deutschen Sprache öfter mal… sagen wir: nicht gerade schmeichelhaft. Da gibt es zum Beispiel die „polnische Wirtschaft“. Diese Redewendung steht für Chaos, Unordnung und schlechtes Management.
Da muss ich heute laut lachen. Wirklich laut. Aktuellen Berichten zufolge gehört Polen inzwischen zu den größten Volkswirtschaften: „Polen steigt unter die 20 größten Volkswirtschaften der Welt“, schrieb die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer am 29.08.2025. Die Tagesschau berichtete am 10.01.2026 dagegen, warum Polens Wirtschaft boomt. Euronews – ein paneuropäischer und mehrsprachiger Fernsehsender für Nachrichten – betitelte am 04.03.2026 seinen Artikel: „Vergleich: Polen ist ein Aufstiegsland – und Deutschlands Wirtschaft stagniert“.*
Polens Wirtschaft ist nach Angaben der EU-Kommission im vergangenen Jahr um etwa 3,2 Prozent gewachsen. Im Jahr 2026 rechnet man mit einem Wachstum von 3,5 Prozent, während die deutsche Wirtschaft im letzten Jahr nur ein Wachstum von 0,2 Prozent verzeichnete. Im Jahr 2026 sollen es 1,2 Prozent sein.
Die Wirtschaft in Polen wächst, Unternehmen investieren, die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Digitalisierung, Innovation, neue Fabriken – alles dabei. Wenn das „polnische Wirtschaft“ ist, dann sollten wir das Wort vielleicht neu definieren:
Polnische Wirtschaft = läuft.
Und dann sind da noch diese alten Klassiker: „polnisch einkaufen“, „kaum gestohlen, schon in Polen“ und „Fahren Sie nach Polen? Ihr Auto ist schon da.“ Ein Witz aus den 90er-Jahren. Damals, nach dem Fall der Berliner Mauer, stiegen die Autodiebstähle, und schnell hatte man einen Schuldigen gefunden: den Nachbarn im Osten. Der Witz hat sich bis heute gehalten.
Nur hat die Geschichte inzwischen eine kleine Wendung genommen. Die deutsche Automobilindustrie hat längst Produktionsstandorte nach Polen verlegt. In Poznań zum Beispiel rollen jedes Jahr Tausende Fahrzeuge vom Band: Lieferwagen, Familienautos, Camper. Modern, neu, mit Garantie. Das sind Modelle wie zum Beispiel VW Caddy, VW Crafter und VW Grand California. Wenn Sie heute nach Polen fahren, brauchen Sie also keine Angst um Ihr Auto zu haben. Im Gegenteil: Sie könnten sich dort sogar ein neues abholen.
So ändern sich die Zeiten.
Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, ein paar alte Redewendungen in Rente zu schicken. Oder ihnen wenigstens ein Update zu verpassen. Genug geredet. Ich verabschiede mich jetzt. Höflich. Mit Handschlag. Und ganz ohne Klischees.
Oder… vielleicht mache ich doch einen kleinen „polnischen Abgang“…
*Quellen:
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/polen-wirtschaft-boom-100.html
https://de.euronews.com/2026/03/04/polens-wirtschaft-boomt-kann-deutschland-davon-lernen
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Produktionsstandorten_in_der_Automobilindustrie



